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Geschichte

Zur Geschichte des Oratorien-Vereins Esslingen e. V.

Die Anfänge des Oratorien-Vereins
Im Jahre 2001 feierte der Oratorien-Verein Esslingen seinen 150. Geburtstag. Im Jahr 2011 sind es nun schon 160 Jahre des Bestehens. Aus der Festschrift  „Der Oratorien-Verein Esslingen“ von Ulrich Prinz als Autor und Herausgeber, entnehmen wir den ersten Beitrag auf den „Oratorienverein“ aus dem Jahre 1844.

„…mit dem Signum „Oratorienverein“ wurde deutlich gemacht, dass es hier um einen hohen Kunstanspruch gehen sollte. Mit den geselligen Formen eines Liederkranzes hatte dies nichts mehr zu tun. Im Vordergrund dürfte gestanden haben, die großen Oratorienwerke kennen zu lernen, wobei der Begriff des Oratoriums keine sehr abgrenzbare Gattung meint, denn Chorkantaten, größere Chorwerke (auch a capella) waren ebenso gemeint, wie damit auch keineswegs nur an geistliche Musik gedacht war. Mit dem Namen wird aber deutlich, dass  es um die musikalischen Werke ging, nicht um das Chorsingen als solches. Damit erfüllte sich ein bildungsbürgerlicher Anspruch, der diesen Chorverein grundsätzlich von den anderen Esslinger Chören unterscheidet……..Auch die Anfänge des Esslinger Oratorien-Vereins dürften in „ einem “ allmählichen Übergang von einer Interessengruppe mehr privater Art zu einem geregelten Vereinsleben gelegen haben….In Johann Georg Frech (seit 1820 Organist und Musikdirektor der Stadtkirche St. Dionys) hatte man wohl den am besten geeigneten Leiter der Probenarbeit, der in Esslingen zu finden war.“ Frech leitete zunächst den von Karl Pfaff gegründeten Esslinger Liederkranz bis 1847. Ab 1844 ist die Leitung des gemischten Chores des Oratorien-Vereins belegt. Seit dieser Zeit ist die Existenz des Oratorien-Vereins belegt, obwohl das offizielle Gründungsdatum heute im Jahre 1851 angesehen wird. Mit Frech wäre auch der Name des ersten musikalischen Leiters genannt, dem eine Reihe großer Organisten und musikalischen Leitern folgten:

  • Johann Georg Frech von 1844 bis 1848
  • Adolph Hornberger von 1848 bis 1855
  • Max Waldhauser von 1855 bis 1863
  • Christian Fink von 1863  bis 1902
  • Wilhelm Nagel von 1902 bis 1935 (1946 Ehrenmitglied des Oratorien-Vereins)
  • Hugo Distler von 1937-1938 leitet die Esslinger Singakademie (Mitglieder des ehemaligen Oratorien-
    Vereins und des 1936 aufgelösten Kammerchors)
  • Hans- Arnold Metzger von 1945 Leiter der neu gegründeten Chorvereinigung Esslingen und ab 1946 des wieder gegründeten Oratorien-Vereins bis zu seinem Tod 1977
  • Werner Schrade von 1977 bis 1979
  • Markus Müller-Häuser von 1979 bis 1984 Initiator des 1. Esslinger Forums für Junge Solisten 1984
  • Jörg Dobmeier von 1985 bis heute. Fortführung der Esslinger Foren für Junge Solisten

Die Ära Christian Fink
„Der Esslinger Oratorien-Verein hatte in seiner 150-jährigen Geschichte so wenig Wechsel in seiner Leitung, dass man von klar gegliederten Epochen mit jeweils charakteristischen Schwerpunkten sprechen kann. Die erste reichte bis 1902 und wurde geprägt durch die fast vierzig Jahre währende Tätigkeit von Christian Fink (1863 -1902). ..unter seiner Leitung wird das Bestreben deutlich, sich mit den neuesten oratorischen Werken bekannt zu machen. Zur Aufführung kamen meist nur einzelne Sätze, seltener komplette Werke. Die geistliche Musik im engeren Sinne
scheint dabei eine eher untergeordnete Rolle gespielt zu haben, am häufigsten vertreten sind weltliche Chorwerke, manche davon allerdings mit einem religiösen Hintergrund, was für das oratorische Schaffen des 19. Jahrhunderts durchaus als charakteristisch angesehen werden kann. Doch ist auch den Anteil rein weltlicher Gesangswerke sehr hoch. Mit Komponisten wie Max Bruch, Nils Gade, Engelbert Humperdinck oder Carl Reinecke zeigt sich der Anschluss an die zeitgenössische Musik, doch eine besonders große Rolle spielten offenbar Felix Mendelssohn
und Robert Schumann. Die idyllische, ausdrücklich als „Märchen“ bezeichnete Kantate Der Rose Pilgerfahrt von Schumann brachte Finck allein neun Mal zur Aufführung.Unter seiner Leitung wurde der Oratorien-Verein mit jährlich vier bis fünf Aufführungen fest im kulturellen Leben der Stadt verankert, wenn auch mit bescheidenen Mitteln. Fink dirigierte vom Klavier aus, da er selbst auch den Instrumentenpart zu spielen hatte. An auswärtige Solisten war
kaum zu denken, deswegen musste man auf bewährte Chormitglieder zurückgreifen: so sang Rosa Fink, seine
Frau jahrzehntelang die anfallenden Solos. Handelte es sich um Konzerte, die in der Stadtkirche veranstaltet
wurden, konnte Fink zwischen den einzelnen Gesangsstücken auch Orgelwerke vorstellen. Als Organist galt Fink
als einer herausragenden Künstler seiner Zeit.“ (Zitat Braunbehrens)
.

Christian Fink – mehr als nur eine Lokalgröße
Fast während der ganzen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat er das musikalische Leben in Esslingen geprägt: Christian Fink – Seminarmusiklehrer, Musikdirektor und Organist an der Evangelischen Stadtkirche St. Dionys und Musikdirektor über neun Jahre des Esslinger Liederkranzes und über vierzig Jahre des Oratorien-Vereins Esslingen.
Der 1831 geborene Sohn eines Lehrers in Dettingen bei Heidenheim hätte es sich als Vertreter seines Vaters an der heimischen Orgel wohl nicht träumen lassen, dass er nach einer Lehrerausbildung am Stuttgarter Waisenhausseminar und einer ersten Anstellung 1849 als „Musikgehilfe“ am Esslinger Lehrerseminar einst am Leipziger Konservatorium würde studieren können. Verdankt hat er dies seinem Fleiß und seiner Begabung und nicht zuletzt einer Stiftung der Königin Olga. Zwei Jahre konnte er sich dort und in Dresden dem Orgel-, Klavier- und Kompositionsstudium widmen, weitere vier Jahre war er Begleiter des berühmten Riedel’schen (Gesangs-)Vereins in Leipzig. 1860 schließlich kehrte Christian Fink nach Esslingen zurück, um dort seine Ämter an Lehrerseminar und Stadtkirche anzutreten. 1861 übernahm er die musikalische Leitung des Liederkranzes, 1863 die des Oratorien-Vereins.
Bei diesen vielfältigen Tätigkeiten wusste er die musikalischen Kräfte in den verschiedenen Veranstaltungsbereichen zu bündeln, heute würde man sagen: Er wusste die Synergien zu nutzen. Die Männerstimmen aus dem Lehrerseminar wurden zusammen mit den Stimmen des Oratorien-Vereins in die ab 1864 fast immer in der Stadtkirche stattfindenden Kirchenkonzerte eingebunden, innerhalb deren gemischten Programmen immer wieder Fink’sche Chorkompositionen neu aufgeführt wurden. Die Kirchenkonzerte waren auch der Ort, wo Christian Fink immer wieder eigene Orgelwerke aufführte und sich als Orgelvirtuose, auch im Improvisieren, hervortat. Als solcher war er weithin bekannt und geachtet.
Bis zu fünf Konzerttermine im Jahr hat er bestritten, und zwar hauptsächlich mit Laienmusikern und -sängern. Bis auf die letzten Jahre seines Wirkens waren regelmäßige Ersteinstudierungen mit dem Oratorien-Verein an der Tagesordnung. Große Chorwerke waren dabei: das „Requiem“ von Cherubini, das „Alexanderfest“ von Händel oder „Die erste Walpurgisnacht“ von Mendelssohn. Allerdings gingen die Aufführungen ohne Orchester vonstatten, Christian Fink hat sie selbst am Klavier begleitet. Mendelssohn war einer seiner bevorzugten Komponisten, aber auch Robert Schumann und der mit beiden befreundete Däne Niels Gade, der zurzeit wieder eine Renaissance erlebt.
Im gesellschaftlichen Leben Esslingens war Christian Fink gut vernetzt, hatte er doch Rosa, eine Tochter aus dem Verlegerhaus Schreiber, die mit einer schönen Sopranstimme begabt und wohl auch im Singen ausgebildet war, geheiratet. Als geschätzter Solosopran ist Rosa Fink dann in vielen Chorkonzerten aufgetreten. Weitere drei Geschwister sind in Mitgliederverzeichnissen oder Programmen des Oratorien-Vereins aufgeführt, darunter ihre Schwester Emilie als Altsolistin. Christian Finks innere Verbundenheit mit seiner Frau muss sehr groß gewesen sein. Nur wenige Wochen nach ihrem Tod starb er am 4. September 1911.
Zu seinem Gedenken fand daher am 20. September 2011 – der 4. September wäre in die Ferien gefallen – im Evangelischen Gemeindehaus in Esslingen ein Vortrag über Leben und Werk von Christian Fink statt. Burkhard Pflomm, aufgewachsen in Esslingen und heute Kantor der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Bietigheim, hat sich seit seinem Schulmusikstudiums intensiv mit Christian Fink befasst. Er gab Einblick in das bewegte Leben des Künstlers und ging auf die Stellung des Werks von Christian Fink im Rahmen des musikalischen Geschehens seiner Zeit ein. War die Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts lange missachtet worden, so erlebte sie im 20. Jahrhundert eine Art Renaissance. In diesem Zusammenhang erfährt nun auch das kompositorische Schaffen Christian Finks eine neue Würdigung. Einiges davon ist bereits zu Finks Lebzeiten im Druck erschienen und später wiederaufgelegt worden. Etliches von dem noch nicht Publizierten jedoch war Burkhard Pflomm durch Christian Finks an diesem Abend anwesende Urenkelin Rosemarie Merz zugänglich gemacht worden. So konnte Pflomm in seinem Vortrag auf viele Autographen aus der Hand Finks zurückgreifen und dabei Gedrucktes und Handschriftliches gegenüberstellen. Aus dem noch nicht gedruckten Fundus hat Pflomm bereits einige Lieder Finks auf einer CD aufgenommen.
Musikalisch gestaltet wurde der Abend durch den Chor des Oratorien-Vereins, der drei geistliche Chorlieder von Christan Fink interpretierte, begleitet von Jörg Dobmeier auf dem Klavier und Ulrike Dobmeier auf der Violine. Finks Klavierstück „Glückliche Zeit“, wohl zum ersten Mal in Esslingen aufgeführt, erfuhr in Jörg Dobmeiers Vortrag eine beschwingte Darbietung.
Bei Christian Finks Verabschiedung Ende 1902 hatte der Oratorien-Verein ihm einen silbernen Lorbeerkranz verehrt. Dieser Kranz, im Besitz von Rosemarie Merz, war in der Ausstellung im Jubiläumsjahr des Oratorien-Vereins 2001 zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zu sehen. Ihn gab Rosemarie Merz an diesem Abend nun in die Hände des Vereins zurück.
Die Stunde der Kirchenmusik am 24. September 2011 war ausschließlich Werken Christian Finks gewidmet. Die heutige Orgel der Stadtkirche hätte Fink gern zur Verfügung gehabt während seiner langen Jahre als Organist der Stadtkirche. Bei dieser Abendveranstaltung nun erklang sie farbig registriert unter den Händen von Burkhard Pflomm mit Finks Orgelsonate Nr. 1 g-Moll op.1. Für seine Frau Rosa hatte Christian Fink zahlreiche Sololieder und Arien komponiert. Sieben geistliche Sololieder interpretierte die Sopranistin Angelika Lenter mit differenzierender Gestaltung, begleitet von Burkhard Pflomm auf der Orgel.
Und ein drittes Mal gab es in diesem Jahr Gelegenheit, Musikalisches von Christian Fink zu hören. „Musik aus der Tradition der Lehrerseminare“ war ein Programmpunkt während des Symposiums „200 Jahre staatliche Lehrerbildung in Württemberg“ Ende Oktober in Esslingen. Robert Bärwald spielte dabei Finks Klaviersonate Es-Dur op. 21 und begleitete die Sopranistin Sylvia Koncza bei ihrer Darbietung von fünf Gedichtvertonungen durch Christian Fink.

Dr. E.Görg

 

Die Ära Wilhelm Nagel
„Den zweiten großen Abschnitt in der Geschichte des Oratorien-Vereins bildete die Ära von Wilhelm Nagel, der von 1902 bis 1935 die Leitung innehatte. Auch e war ein großer Organist, der internationale Erfolge feierte. Doch er, der schon unter Fink oft mit dem Chor gearbeitet hatte, sah es nun als seine Hauptaufgabe an, dem Esslinger
Musikleben neue Dimensionen zu erschließen. Das „Ende der Bescheidenheit“ könnte man seine Devise nennen, wofür es allerdings nötig war, die ganze Organisation auf eine neue Grundlage zu stellen. Wichtig war es, die Stadt Esslingen zumindest auf repräsentativer Ebene in die Mitverantwortung zu nehmen. So gelang es ihm, den musikbegeisterten Oberbürgermeister Max von Mülberger in den Vorstand des Oratorien-Vereins zu bekommen.
Der Verein selbst sollte ausgeweitet und mit der Zeit zum Zentrum eines neuen Musiklebens der Stadt gemacht werden. Erst nach und nach wurden die Umrisse seiner Vorstellung deutlich, die einen grandiosen Aufschwung bedeuteten.
Die Zahl der aktiven Chormitglieder wurde so vergrößert, dass der Oratorien-Chor Mitte der zwanziger Jahre bis zu 300 Sängerinnen und Sänger zählte. Als passive Mitglieder wurden ebenso bis zu 300 teilweise sehr finanzkräftige Unterstützer geworben. Nagel hatte es sich zum Ziel gesetzt, die großen Chorwerke mit bekannten auswärtigen Solisten und vollem Orchester zur Aufführung zu bringen. Zunächst griff er noch auf die Potentiale der in der Umgebung ansässigen Militärkapellen zurück, doch dann gelang es ihm, das Landestheaterorchester aus Stuttgart zur ständigen Mitwirkung zu bewegen. Von 1918 an wurde eine Konzertvereinigung angeschlossen, die auch Konzerte bedeutender auswärtiger Künstler in Esslingen organisieren konnte. Jährlich gab es nun vier Chorkonzerte, vier bis fünf Künstler- und auch Sinfoniekonzerte, sowie zahlreiche Orgelkonzerte….Jetzt wagte man sich an die großen Passionen, die Hohe Messe und das Magnificat von J. S. Bach, an die Messe und die Missa solemnis von Beethoven, an Messen von Bruckner, Mozart, Palestrina und Schubert, an die Requiem-Kompositionen von Brahms, Reger, Verdi und führte sogar zwei Passionen von Schütz auf, Oratorien von Händel(5), Haydn(2), Mendelssohn(3) kamen hinzu, auch sie fast alle mit religiösem Hintergrund. Außerdem wurden zahlreiche Bachkantaten in der Stadtkirche aufgeführt. ……
Die Feier zum 75jährigen Jubiläum des Oratorien-Vereins wurde 1926 mit Bachs Hoher Messe begangen, der eigentliche Festakt unter anderem  mit Ausschnitten aus Wagners Meistersingern gestaltet. Hiermit war ein großer Aufbruch gemeint. … So wurde Hindemith eingeladen und 1927 sogar Arthur Honeggers König David aufgeführt. Doch andererseits spürte auch das Esslinger Musikleben eine verstärkte soziale Not, die sich in einem deutlichen Besucherrückgang
." (Zitat Braunbehrens).

Die Zeit des 2. Weltkrieges

Die Kontinuität des Oratorien-Vereins wurde nur in den Vorkriegs- und Kriegsjahren des 2. Weltkrieges unterbrochen. „Denn das Lehrerseminar, mit dem eine so enge Zusammenarbeit bestand, wurde nun in eine Lehrerhochschule umgewandelt, die den Forderungen der Naziherrschaft zu entsprechen hatte. Unter diesen neuen Bedingungen wurde seitens der Hochschule die weitere Zusammenarbeit mit dem Oratorien-Verein aufgekündigt und dem Verein damit ein wichtiger Lebensnerv abgeschnitten. Der Oratorien-Verein hat 1935 daraufhin seine weitere Arbeit eingestellt.
Doch gab es unter diesen veränderten Bedingungen durchaus Interesse und Chancen der Weiterarbeit. Man sieht dies daran, dass man beim Versuch einer Wiederbelebung unter der Leitung von Hugo Distler etwa 70 aktive und 90 passive Unterstützer finden konnte……Allerdings waren die organisatorischen Bedingungen für die Chorarbeit so erschwert und der Konzertbesuch so unbefriedigend, dass bereits zum 1. November 1938 die Arbeit wieder eingestellt werden musste." (Zitat Braunbehrens).

Neubeginn unter Hans-Arnold Metzger
"Als nach dem Ende der Nazi-Herrschaft noch 1945 in Esslingen eine Kirchenmusikschule der Evangelischen Landeskirche errichtet wurde, übernahm deren Leiter Hans-Arnold Metzger, auch das Organistenamt der Stadtkirche. Er gründete ein Chorvereinigung, die sich im Frühjahr 1946 in „Oratorien-Verein Esslingen“ umbenannte. Dieser Versuch, an die alte Tradition anzuknüpfen, hatte auch darin seine Berechtigung, dass manche der alten Vereinsmitglieder wieder dabei waren. Andererseits war nun eine sehr viel deutlichere Bindung an die evangelische Kirche zu spüren als in der Ära Nagel. In ungleich höherem Maße als je zuvor …standen Werke Johann Sebastian Bachs im Zentrum der musikalischen Arbeit und dies war sicherlich nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein theologisches Bekenntnis. Andererseits begann Metzger schon 1946 mit musikalisch – literarischen Abenden, wohl im Bewusstsein, dass der Oratorien-Verein seine Rolle als Mittelpunkt des Esslinger Musiklebens gerade in der schwierigen Zeit des Neubeginns nach dem zweiten Weltkrieg wahrzunehmen und damit auch Aufgaben über die Chormusik hinaus zu erfüllen hatte. Darüber hinaus gelang es, einen Instrumentalkreis zusammenzubringen, so dass der Oratorien-Verein nun so etwas wie die Bündelung aller musikalischen Kräfte in Esslingen darstellte.“ (Zitat Braunbehrens).

Bis heute kann der Oratorien-Verein seine musikalische Arbeit mit einem Orchester begleiten. Nur für die großen Aufführungen müssen Instrumentalsolisten oder Bläsergruppen das Orchester erweitern.

Hans-Arnold Metzger – Mut für das Ungewöhnliche
Als an Weihnachten 1945 die neugegründete „Chorvereinigung Eßlingen“, aus der ein Jahr später wieder der „Oratorien-Verein“ wird, am ersten und zweiten Feiertag fast das ganze Weihnachts-Oratorium aufführt, ist dies in vielerlei Hinsicht ein Neubeginn: In Deutschland kann wieder ohne Staats- und Parteiaufsicht musiziert werden; die „Musikalischen Vespern“, in deren Rahmen das Weihnachts-Oratorium aufgeführt wird, hat es in Esslingen so bisher nicht gegeben – sie sind Vorläufer der heute noch existierenden „Stunde der Kirchenmusik“; und: das Konzert findet mit einem eigenen „Liebhaberorchester“ statt und nicht, wie früher üblich, mit einem eigens engagierten Instrumentalkörper. An der Spitze steht der musikalische Leiter der „Chorvereinigung“ und gleichzeitig Leiter der neugegründeten Kirchenmusikschule in Esslingen sowie – als Nachfolger von Wilhelm Nagel – Kantor und Organist an der Esslinger Stadtkirche: Hans-Arnold Metzger.

Geboren am 5. Dezember 1913 in Stuttgart als Sohn eines Gymnasiallehrers, hatte Metzger, nach einem Musikstudium in Stuttgart und Leipzig, Kantorenstellen in Eisleben und Heilbronn versehen. 1939 zum Kriegsdienst einberufen, ließ ihn eine schwere Kriegsverwundung, bei der er ein Bein verlor, 1941 wieder nach Württemberg zurückkehren, wo er ab 1945 in Esslingen seine endgültige Wirkungsstätte fand. Eine seiner Tätigkeiten war die musikalische Leitung des Oratorien-Vereins, der von seiner Gründung an ein gemischter Chor gewesen war. Diesem wurde nun „von Anbeginn an ein Liebhaberorchester zur Seite gestellt [werden], das als Grundstock des instrumentalen Teils der geplanten Aufführungen unentbehrlich sein wird“. So die von Hans-Arnold Metzger mitunterzeichnete Einladung zur Probenarbeit. Bis zu seinem Tod 1977 sollten unter seiner künstlerischen Leitung 245 Konzerte mit Chor und Orchester des Oratorien-Vereins stattfinden, wie der Musikkritiker der Eßlinger Zeitung Erwin Schwarz in einer posthumen Würdigung zu Metzgers 64. Geburtstag akribisch recherchiert hatte.
Mit großem Elan entwickelte Metzger neue Programmideen: vom Oratorium über A-cappella-Programme, Solo-Abende und Orchester- und Orgelkonzerte bis hin zu musikalisch-literarischen Abenden. Eine wegweisende Neuerung waren die Esslinger Musiktage oder die musikalischen Themenwochen zu einzelnen Komponisten – Vorgänger des seit 1984 stattfindenden ESSLINGER FORUMS FÜR JUNGE SOLISTEN. Hans-Arnold Metzgers große Liebe galt der Alten Musik und insbesondere den Werken Bachs, aber auch der Klassik mit Mozart und Beethoven. Er führte die Händel-Pflege seines Vorgängers Nagel fort, für Mendelssohns Chorwerke konnte er sich jedoch nur wenig erwärmen. Dafür hatte er bei der Moderne „das Können und den Mut zum Ungewöhnlichen“, wie Kritiker Schwarz es ausdrückte.

Für die Festwoche zum 100-jährigen Bestehen des Oratorien-Vereins wählte er, neben Werken von Bach und Händel, zeitgenössische Kompositionen von Siegfried Reda, Helmut Bornefeld, Hugo Distler und, als Esslinger Erstaufführung, Hindemiths 1947 entstandenes Apparebit repentina dies. Der Kritiker lobte die Aufführung, aber „das Werk (brachte) die Gemüter der Zuhörer ordentlich in Wallung“ (EZ, 2.11.1951), und Teile des Esslinger Publikums überhäuften die Eßlinger Zeitung mit abfälligen bis hämischen, indirekt völkisch geprägten Leserbriefen. Hans-Arnold Metzger ließ sich davon nicht beirren und führte 1957 Frank Martins Golgotha (1948) erstmals in Esslingen auf, mit großem Erfolg und diesmal ohne negative Publikumsreaktionen, zumindest sind solche nicht dokumentiert.

Mitte der 60-er Jahre legte er, durch seine Kriegsverwundung gesundheitlich schwer angeschlagen, seine Ämter bis auf die Leitung von Kirchenmusikschule und Oratorien-Verein nieder. Zum 125-jährigen Vereinsjubiläum führte er noch Hindemith und Reger auf, die Musik beim Festakt zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Esslingen wenig später konnte er noch dirigieren – dann setzte der Tod am 2. April 1977 seinem Leben ein Ende. Das Konzert zur Passionszeit hatte schon Werner Schrade geleitet, der die Musik zum Gedenkgottesdient am 20.11.1977 dirigierte und sein Nachfolger im Oratorien-Verein werden sollte.

Dr. E. Görg

 

Werner Schrade
Werne Schrade ist es zu verdanken, dass er die Lücke geschlossen hat, die durch den Tod von Hans-Arnold Metzger in der musikalischen Leitung des Oratorien-Vereins entstanden ist. Zwei Jahre lang, von 1977 bis 1979 hat er die Arbeit fortgeführt und somit für Kontinuität gesorgt. Händels Vertonung des "Psalm 110", C.P.E.Bachs "Magnificat", "Mirjams Siegesgesang" von Schubert folgten "Ein deutsches Requiem" von Brahms, ein Sommerkonzert unterschiedlicher Komponisten, die Teile 4 bis 6 des "Weihnachtsoratoriums"  von Joh. Seb. Bach wurden unter Schrades Leitung aufgeführt.  Auch hat er den jungen Absolventen der Kirchenmusikschule Esslingen, Markus Müller-Häuser zur Nachfolge in der musikalischen Leitung motiviert.

Markus Müller-Häuser
Es ist nicht selbstverständlich, dass ein junger Absolvent einer Kirchenmusikschule die musikalische Leitung eines altehrwürdigen Musikvereins übernimmt und als Leiter akzeptiert wird. Waren doch seine Vorgänger in den letzten 140 Jahren erfahrene, altgediente Lehrer, Organisten und Musiker gewesen, als sie das Amt antraten.

Jedenfalls kam der unkonventionelle Schwung des 30 Jährigen bei den alten und jungen Sängerinnen und Sängern und beim Orchester an. So konnte Müller-Häuser auch das erste Esslinger Forum für Junge Solisten initiiren. Dieses Forum, findet in zweijährigem Rhythmus bis heute statt. Es gibt jungen Gesangs- und Instrumentalsolisten Gelegenheit – oft zum ersten Mal - vor einem größeren Publikum aufzutreten.

Markus Müller-Häuser leitete den Oratorien-Verein von 1979 bis 1985. Mozarts c-Moll-Messe, Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“, Bachs h-Moll-Messe, die Johannespassion mit dem Esslinger Bassisten Cornelius Hauptmann, Cherubinis Requiem c-Moll, Haydns Schöpfung, Ein deutsches Requiem, Bachs Mathäus-Passion, das Stabat Mater op. 58 von Dvorak und andere Werke wurden aufgeführt. Mit der Glagolithischen Messe von Leos Janacec verabschiedete sich Markus Müller-Häuser vom Oratorien-Verein.

Auch wenn die Kirchenmusikschule Esslingen in den 1990er Jahren nach Tübingen verlegt wurde, so blieben doch die vielfältigen Kontakte zu den musiktreibenden Institutionen der Region erhalten oder wurden sogar noch intensiviert, wie wir es den Aktivitäten den Nachfolgers von Müller – Häuser entnehmen können.

Jörg Dobmeier
Obwohl Jörg Dobmeier schon fast 30 Jahre die musikalische Leitung des Oratorien-Vereins inne hat, wird die Würdigung seiner vielfältigen Tätigkeiten der Zukunft überlassen bleiben. Nicht nur, dass er die Esslingen Foren für Junge Solisten erfolgreich weitergeführt hat – 2014 wurde bereits das 16. Forum veranstaltet - , auch führte er dem Chor junge Sängerinnen und Sänger aus seiner Lehrtätigkeit zu. Er leitet die Wendlinger Musikschule und war Dozent an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Stuttgart.

Aus der eigenen Familie kommen mit Ulrike Dobmeier eine Violinsolistin und mit Christine Dobmeier eine Bläsersolistin. Ulrike Dobmeier hat seit 2010 die Nachfolge von Frau Ruth Paxon als Konzertmeisterin angetreten. Frau Ingeburg Dobmeier formt in der regelmäßigen professionellen Stimmbildung die Stimmen der Sängerinnen und Sänger. Das Resultat ist ein stimmlich homogener Klangkörper.

Die Zahl und die Themen der Aufführungen unter der Leitung Jörg Dobmeiers können in dieser kurzen Zusammenfassung nicht dargestellt werden. Interessenten seien auf das oben zitierte Werk von Ulrich Prinz (Herausgeber) verwiesen. Die Aufführungen seit 2001 sind im "Rückblick" dokumentiert.

gez. Lutz Köllner

(wird fortgesetzt)

 
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